Überführungstörn Azoren – St. Malo
von Esther Brechbühler (Kommentare: 0)
Ein Boot, drei Wochen, beinahe alle Wetterbedingungen erlebt, eine Crew, die keinesfalls auf Gummibärchen verzichtet, und ein Abenteuer, das niemals vergessen werden könnte.
Text & Fotos: Lia
Wisst ihr noch, als wir in den guten alten Zeiten mit einem selbst gebastelten Katamaran über den halben Atlantik gesegelt sind?
Mitte Mai war es so weit. Die Vellamo war kurz davor, einen neuen Streckenrekord aufzustellen. Mit viel Vorfreude traf sich die Hälfte von uns bereits mehrere Tage vor Törnbeginn auf den Azoren. Zusätzlich haben einige von uns der alten Crew vor der Bootsübergabe noch einen Besuch abgestattet, um beim gemütlichen Beisammensein beim Restenfest zu helfen. Am ersten Samstag ging es mit einer riesigen Einkaufsliste und hungrigen Mägen ins Einkaufszentrum. Dank unserer Tetris-Talente war es dann gut möglich, die fünf vollen Einkaufswagen irgendwo an Bord zu verstauen.
Mit einer Zusage vom Meteochef verliessen wir am Sonntagnachmittag endlich den Hafen. In Begleitung von Delfinen wurden wir anschliessend mit einem MOB-Training mit der Vellamo bekannt gemacht. Da uns laut Wetterbericht eventuell noch der starke Wind eines östlich wandernden Tiefs einholen könnte, gab es am nächsten Morgen nach dem Aufkreuzen um die Insel São Miguel noch einen letzten Badestopp.
Der Wind nahm über die folgenden Stunden stetig zu und es wurde unter gerefftem Gross mit einem Raumwindkurs direkt auf die Isles of Scilly zugesteuert. Trotz kontinuierlich wachsenden Wellen und starken Böenspitzen von mindestens 30 Knoten genossen unsere kleinen inneren Piraten dieses Abenteuer. Mit unserem Glück fanden uns nicht nur Delfine und jede Menge Leuchtplankton mitten auf dem Atlantik, sondern auch leicht zu übersehende Pottwale. Dank der neuen Investition Starlink war es uns und vor allem unserem Skipper eine Erleichterung, alle paar Tage den neusten Stand der Grosswetterlage analysieren zu können. Am Mittwoch, dem 20. Mai, befanden wir uns schon wieder am äusseren Rand des Tiefs und segelten bei vier Meter hohen Wellen einen neuen All-Time-Max-Speed von 19 Knoten, welcher am Abend mit einer festen Mahlzeit (wohlgemerkt ganz ohne Fisch füttern) gefeiert wurde.
Am Ende der ersten glorreichen Woche hat uns das Windglück leider verlassen. Der Ausläufer des Tiefs hat uns auf Höhe der Biscaya im Stich gelassen und so landeten wir in einer nie endenden Flaute. Nach dieser anstrengenden Woche waren uns Sonnenschein und ein ruhigeres Wellenbild jedoch sehr willkommen. Wird die Vellamo gebraucht, so muss sie auch gepflegt werden, und deswegen wurde mit jeder Sekunde Sonnenschein die To-do-Liste immer länger. Fender schrubben, Autopilot auseinanderschrauben, Reling ausfädeln, Abflusslöcher bohren, backen, kochen, putzen, baden und Karten spielen … keine Zeit für Langeweile. Nach dichtem Nebel, wenig Wind und hammermässigen Sonnenauf- und -untergängen näherten wir uns immer mehr der Zivilisation.
Fliegen, Vögel, Müll und warte … was schwimmt da in unsere Richtung? Hai? Wal? Walhai? Oder doch ein Orca?
„Alle Mann an Deck. Es kommt näher und schwimmt gleich unter uns durch!“
Es war ein einzelnes Tier. Zwei Flossen ragten aus dem Wasser und es hatte etwa eine Länge von sechs Metern. Aber irgendetwas sah seltsam aus. Die „Rückenflosse“ war viel zu beweglich und irgendwie hatte es eine Schwanzflosse, welche sich stetig von links nach rechts bewegte, anstatt auf und ab. Als sich uns das Tier näherte und die Vellamo einmal von unten ansah, gelang es uns, über die Reling einen genaueren Blick darauf zu werfen. Mit Anblick auf den kleinen Pottwal fiel uns allen ein Stein vom Herzen, denn ein Aufeinandertreffen mit einem Orca hätte ziemlich sicher nicht mit einer positiven Erfahrung geendet. Warum genau dieser junge Pottwal seitlich schwimmend alleine unterwegs war, ist uns allen bis heute ein Rätsel. Weil wir keine Antwort fanden, dichteten wir uns schlussendlich eine eigene Geschichte zusammen: Es war ein einsamer junger Pottwal, welcher eine Wette verloren hatte und nun seitlich schwimmend versuchte, diese lästigen Touristen zu erschrecken. Naja, wer auch immer uns diese Show organisiert hat … danke. Zusammen mit dem Sonnenuntergang auf der einen und dem Mond auf der anderen Seite wares auf jeden Fall ein atemberaubendes und einmaliges Erlebnis.
Nach weiteren Flautentagen und vielem Basteln, inklusive Spleisskurs, gab es ein Crewmeeting und darauf folgend einen neuen Kurs in Richtung Brest, FR. Kaum zu glauben, waren wir plötzlich nicht mehr die Einzigen weit und breit. Mit den ersten Containerschiffen, die uns entgegenkamen, wurde auch die Navigation intensiver. Wir analysierten die Gezeiten und zeichneten sorgfältig unsere Wegpunkte in der Karte ein, denn mit der Einfahrt in die Bucht von Brest galt tabletloses Navigieren.
Und dann war es wieder so weit: Wir betraten nach sage und schreibe 10,5 Tagen auf hoher See das lang ersehnte Festland. Die ungewohnte Hitze und der Landgang trafen einige so stark, dass wir gleich mit einem Ankerbier im nächstgelegenen Restaurant landeten. Am selben Abend zog es die acht hungrigen Mäuler in eine Crêperie. Egal, ob erst Dessert, zweimal Hauptgang oder doch die traditionelle Reihenfolge – alle waren danach satt und happy.
Am ersten Tag ohne Schichtbetrieb gab es ab um 10 Uhr erste Zeichen von Leben an Bord. Der Tag wurde natürlich mit einer ordentlichen Ladung frischen französischen Gebäcks begrüsst. Mit viel Vorfreude auf Bewegung machte sich ein Teil der Crew auf zum nächsten Abenteuer. Mit einem Spaziergang und einer Busfahrt landeten wir im nächsten Hafen. Wir bewunderten vom Land aus den Olympia-Nachwuchs Frankreichs. Windsurfer, Ilcas, 29er und Nacras rasten bei hammermässigen Windbedingungen über das Wasser. Aber nicht nur das gab uns Grund zum Staunen. Mit ein wenig Glück gelang es uns, vom Steg aus die IDEC Sport, welche neun Jahre lang den Rekord der schnellsten Weltumseglung gehalten hat, zu bewundern.
Kaum hatten wir uns an die schichtlosen Tage gewöhnt, stachen wir wieder in die See. Was für andere in Seemeilen ein Wochentörn ist, war für uns nach mehr als 1000 Meilen über den Atlantik nur noch eine Kleinigkeit. Der Weg von Brest nach Jersey war planmässig mit Strömung und jeder Menge Steinen und Trockenstellen definitiv eine grössere Herausforderung, als tagelang nur in Richtung Isles of Scilly zu peilen. Und wie es aussah, hatten unsere Mathelehrer:innen doch recht. In unserem Segelalltag haben wir für die Passagenplanung wohl oder übel unsere Vektorgeometriekenntnisse doch noch auspacken müssen. Mit drei Vektoren und einer kleinen Skizze konnten wir die Wechselwirkung von Geschwindigkeit, Heading und Gezeitenströmung berechnen. Wie auch vor Brest galt auch vor Jersey tabletloses Navigieren und so befanden wir uns alle entweder an Deck mit einer spezifischen Aufgabe oder im Wohnzimmer über die Karten gebeugt.
Nach einem gelungenen Hafenmanöver mit nur einem normal funktionierenden Propeller und ordentlich Wind freuten sich alle bei einer Tagesbesprechung auf den Apéro. Wer glaubt, es gäbe irgendwann auch mal ruhige Momente auf der Vellamo, hat falsch gedacht. Während die einen sich endlich wieder sportlich betätigten, schraubten die anderen die Propeller ab.
Das Segelabenteuer war jedoch noch nicht zu Ende und weil wir ein eingespieltes und erfahrenes Team waren, wurde auch die nächste Etappe gekonnt geplant. Mit geregeltem Schichtplan führten wir ein letzztes Ablegemanöver durch. Dank der guten Tidenberechnung segelten wir mit perfektem Timing in Strömungsrichtung. Weil wir jedoch den Wind nicht zu hundert Prozent vorhersagen konnten, musste unser Kurs im Zusammenspiel mit der Tide wiederholt neu berechnet werden. Leider sind wir trotz genauer Planung zu früh in St. Malo eingelaufen und so entstanden für unsere Skipper zwei und drei die perfekten Bedingungen, um bei schwierigem Wind Hafenmanöver zu üben.
Nach über 1400 Seemeilen und vielen einmaligen Erlebnissen haben wir pünktlich und sicher unseren Zielhafen in St. Malo erreicht. Mit geteilten Erinnerungen, einem Städtetrip in St. Malo und den letzten gemeinsamen Stunden auf der Vellamo bereiteten wir uns nach drei Wochen wieder auf die Übergabe vor.
Ein Boot, drei Wochen, beinahe alle Wetterbedingungen erlebt, eine Crew, die keinesfalls auf Gummibärchen verzichtet, und ein Abenteuer, das niemals vergessen werden könnte.
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